Legende des Taijiquan
Folgende Legende schreibt die Entstehung einem daoistischen Mönch namens Zhang Sanfeng zu. Er wurde im Jahre 1274 geboren und starb im Alter von 110 Jahren. Nach dem Tode seiner Eltern begab er sich auf eine jahrelange Wanderschaft und zog sich später als Eremit in die Wudang-Berge zurück. In der Einsamkeit der Berge vertiefte er sich in das Studium des Daoismus, der Astrologie und der Alchemie. Vor seiner Hütte sitzend hat er dort den Kampf zwischen einer Schlange und einer Elster beobachtet. Die Schlange wich den Angriffen der Elster mit kreisförmigen Bewegungen aus und die Attacken gingen ins Leere. Beeindruckt vom Sieg der Schlange durch ihre Weichheit und Geschmeidigkeit hat Zhang Sanfeng dann das Taijiquan nach dem Prinzip des Wechselspiels von Yin und Yang erschaffen.
Diese Legende kann aufgrund von historischen Daten nicht bestätigt werden, jedoch wurde Zhang Sanfeng in Geschichtsbüchern über die Ming-Dynastie erwähnt. Hierin sind aber keine Anhaltspunkte darauf zu finden, dass Zhang Sanfeng eine neue Kampfkunst entwickelt hat. Trotzdem gilt er heute als der Patron des Taijiquan.
Geschichte des Taijiquan
Das Taijiquan bildete sich aus den äußeren Kampfkünsten. Schon seit vielen Jahrhunderten übten sich Chinesen in Kampfkunst. Erste schriftliche Hinweise auf eine Einteilung in „innere“ und „äußere“ Kampfkunst finden sich seit dem 17. Jahrhundert. So heißt es z.B. bei Wang Lizhou (1610 - 1695), der am Ende der Ming- und am Anfang der Qing-Dynastie lebte: „Es gibt nun die so genannte innere Kampfkunst, welche dem Angriff mit Ruhe begegnet. Der Gegner wurde meist bei der ersten Berührung der Hände zu Boden geworfen. Das ist anders als bei der harten, äußeren Schule der Shaolin."
Einer der wichtigsten Unterschiede zwischen der „inneren“ und „äußeren“ Kampfkunst ist die Bevorzugung der „weichen Strategie". So heißt es z. B. bei Chang Naizhou (1736 - 1795): „Es ist auch wichtig, keine Kraft zu verwenden und vielmehr alle Stellungen natürlich und langsam in runden, tanzgleichen Bewegungen auszuführen. Koordiniere den ganzen Körper in ein vereinigtes Ganzes und lasse ihn leicht, lebendig und vollkommen werden. Wo immer Steifheit und Ungelenkigkeit sind, löse Schritt für Schritt durch die Stellungen auf. Wenn du die Haltungen übst, entspanne dich und öffne alle Gelenke deines Körpers.“ Chang Naizhou übte sich in einer Kampfkunst, die heute fast nicht mehr anzutreffen ist, jedoch ist hier schon deutlich die Sprache des Taijiquan zu erkennen.
Die Entwicklung der verschiedenen Taijiquan-Stile: Chen, Yang, Wu, Wu (Hao) und Sun
Erste schriftliche Hinweise auf Taijiquan tauchen recht spät in der Literatur auf, z. B. im Buch „Taijiquan Tushuo“ von Chen Pisan (1849 - 1929). In diesem Buch wird als Begründer des Taijiquan Chen Wangting (1600 - 1680) angegeben. Er gehörte zur Generation der Familie Chen und lebte zum Ende der Ming-, Anfang der Qing-Zeit in Dorf Chenjiagou im Distrikt Wen in Henan. Chen Wangting wuchs in dieser Tradition auf, seine Familie war sehr bekannt für ihre Kampfkunst. Chen Wangting diente während der Zeit des Zusammenbruchs der Ming-Dynastie als Offizier und soll viele Unruhen und Rebellionen niedergeschlagen haben. Nach dem Ende der Ming-Dynastie zog er sich dann zurück. Auf der Grundlage verschiedener Kampfkunststile und beeinflusst durch den Daoismus entwickelte er eine neue Kampfkunst. Er entwickelte ein kompaktes Bewegungssystem, in dem Übungsgrundlagen der Kampfkunst mit meditativen, gymnastischen Übungen (Daoyin) und speziellen Atemübungen (Tuna) miteinander vereint wurden. Dieser neue Stil wurde von nun an über mehrere Generationen innerhalb der Familie Chen weitergegeben. Erst im 19. Jahrhundert verließ das Taijiquan diesen familiären Rahmen. Chen Changxing (1771 - 1853), ein geübter Kämpfer aus der Familie Chen nahm Yang Luchan (1799 - 1872) als Schüler auf.
Yang Luchan, auf den der Yang-Stil zurückgeführt wird, unterrichtete Taijiquan in Beijing am Hofe des Kaisers. Er war für seine Kampfkunst sehr berühmt, und somit befanden sich unter seinen Schülern natürlich auch die Soldaten und die Leibwächter des Kaisers. Yang Luchan wurde so erfolgreich, dass man ihm den Spitznamen Yang, der Unbesiegbare gab. Unter seinen Schülern war auch der Manschure Wu Quanyou (1834 - 1902). Dieser lernte als kaiserlicher Offizier von Yang Luchan und dessen 2. Sohn Yang Banhou (1837 - 1892). Wu Quanyou zeichnete sich dadurch aus, dass er eine wichtige Fähigkeit des Taijiquan, das Neutralisieren einer auf ihn zukommenden Kraft, am besten beherrschte.
Zur Zeit Yang Luchans und Wu Quanyous war das Taijiquan nur in einem sehr kleinen Kreis von Kampfkünstlern bekannt. Bezeichnungen wie Yang- oder Wu-Stil gab es noch nicht. Mit dem Beginn der Republik China, also erst mit dem Ende des chinesischen Kaiserreiches, wurde das bis dahin weitgehend geheime Taijiquan erstmals öffentlich unterrichtet. Schon 1911 unterstütze der Leiter der „Forschungsgesellschaft für Leibeserziehungen“ in Beijing, Xu Yusheng, traditionelle Techniken der Selbststärkung. Dieser lud 1912 die bekanntesten Taijiquan-Meister wie Yang Chengfu (1883 - 1936), den Enkel des Yang Luchans, und Wu Jianquan (1870 - 1942), den Sohn des Wu Quanyous, ein, an seinem Institut in Beijing zu unterrichten. Erst zu diesem Zeitpunkt wurde das Taijiquan für eine breite Öffentlichkeit zugänglich und auch sehr schnell sehr populär in China. Jedoch wurde dieses Taijiquan gegenüber dem der Kaiserzeit stark verändert. Die Formen bekamen ein gleichmäßiges Tempo und schnelle Schläge und Sprünge wurden entfernt. Es entstand das „moderne“ Taijiquan, dessen Formen heute gelehrt werden. Die langsame Form, die Yang Chengfu in dieser Zeit schuf, wird als Yang-Stil bezeichnet.
Wu Jianquan erschuf aus dem Taijiquan seines Vaters eine langsame Form, die, bekannt als Wu-Stil ähnlich beliebt wurde wie der Yang-Stil.
Im Jahre 1928 zog mit Chen Fake (1887 - 1957), dem Urenkel von Chen Changxing, erstmals auch ein Mitglied der Familie Chen nach Beijing.
Von nun an verbreiteten sich der Chen- wie der Yang- und der Wu-Stil über ganz China.
Wu Yuxiang (1812 - 1880), ein Han-Chinese, entwickelte ein weiteres Taijiquan, auf der Basis des Chen- und des Yang-Stils, das als Wu (Hao)-Stil oder alter Wu-Stil bezeichnet wird.
Sun Lutang (1861 - 1932), inspiriert vom Taijiquan des Wu Yuxiang, begründete den Sun-Stil, der auch Techniken aus Xingyiquan und Baguazhang enthielt. Er war einer der ersten, der auch eine Kampfkunstschule nur für Frauen gründete.
Die spätere Entwicklung
Im Laufe der Zeit spalteten sich die Stile in viele verschiedene Unterstile auf. Während der Mao-Zeit entwickelte sich eine stark verkürzte Form, die „Pekingform". Viele Chinesen, die heute im Ausland leben, trugen dazu bei, Taijiquan in der ganzen Welt bekannt zu machen. Taijiquan hat sich zu einer der wichtigsten Techniken zur Selbstkultivierung entwickelt. Die Ausprägungen des heutigen Taijiquan reichen von der reinen Meditations- und Gesundheitsform bis zur ursprünglichen Kampfkunst, aus der es entstanden ist. Die Symbiose aus Kampfkunst, Gesundheitspflege und Philosophie machen es für unsere heutige moderne Zeit besonders wertvoll.
